Sonntags arbeiten sie für Gotteslohn

 

Sechs unabhängige Apotheker der Region Brugg betreiben für den Notfalldienst an 365 Tagen gemeinsam eine Apotheke

 
Kaum hat die Kirchenglocke an diesem Sonntagmorgen zehnmal geschlagen, fährt ein Auto auf den Parkplatz vor der Apotheke Süssbach – beim ehemaligen Bezirksspital – in Brugg. Als der Patient mit der komplett verstopften Nase das Geschäft betritt, ist Apotheker Rolf Krähenbühl bereits am Bedienen. "Gut, haben Sie heute offen", sagt der Kunde wenige Minuten später, nachdem er für sich und seine Mutter eingekauft hat. So geht es ohne Unterbruch bis kurz vor 11 Uhr weiter: Ein Mann holt ein Antibiotikum für seine Frau, eine Frau fragt nach einem Mittel, weil sich ihr Mann beim Nüsseessen in die Backe gebissen hat. Krähenbühl lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, fragt nach, erklärt die Dosierung, gibt Ratschläge und sagt, wann ein Arzt aufzusuchen ist. Unterstützt wird der Apotheker von einem Rüstautomaten, der ihm das gewünschte Produkt innert weniger Sekunden aus dem Lager holt.


EINE MUTTER, die am Samstagabend schon die Notfallapotheke für ihr Kind aufsuchen musste, berichtet von einer weiteren schlimmen Nacht mit Durchfall und Erbrechen. Krähenbühl bereitet einen Sirup zu und erklärt dessen Handhabung. Weniger anspruchsvoll ist der Wunsch eines älteren Manns mit einem Rollator, der ein Produkt für die dritten Zähne braucht. Auch auf Englisch ist das Beratungsgespräch für den Apotheker kein Problem. Einige Kunden kennt Krähenbühl von seiner TopPharm Apotheke am Lindenplatz. In der Apotheke Süssbach deckt er im Turnus mit fünf weiteren unabhängigen Apothekern aus der Region während 365 Tagen im Jahr den Notfallbetrieb ab.
Konkret heisst das: Nach Ladenschluss in der eigenen Apotheke bleibt wochentags eine halbe Stunde Zeit, um bis 19 Uhr in die Apotheke Süssbach zu wechseln und bis 20 Uhr den Notfalldienst vor Ort zu gewährleisten. Samstags ist die Apotheke von 17 bis 20 Uhr und sonntags von 10 bis 13 Uhr sowie von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Während der Nacht ist ebenfalls immer ein Apotheker über die Notfallnummer 056 430 50 50 erreichbar. Erfahrungsgemäss klingle fünf- bis zehnmal pro Woche das Telefon ausserhalb der Öffnungszeiten, sagt Krähenbühl. Nicht immer müsse man dann in die Notfallapotheke fahren, weil die telefonischen Ratschläge den Patienten oft auch weiterhelfen.
Dieses Regime gilt in der Region Brugg seit knapp drei Jahren. Beteiligt sind neben Krähenbühls Geschäft die Apotheke und Drogerie Kuhn, die Apotheke Tschupp, die TopPharm Vindonissa Apotheke, die Apotheke Schinznach-Dorf sowie die Apotheke und Drogerie Birrfeld. Und wie ist das, wenn man mit den Konkurrenten den Notfalldienst in einer gemeinsamen Apotheke, die tagsüber von einem Verwalter geführt wird, betreibt? Rolf Krähenbühl sagt: "Am Anfang mussten wir alle ein bisschen über den eigenen Schatten springen. Doch mittlerweile sind wir froh, dass wir uns für das Stammkunden-Modell entschieden haben und der Bevölkerung diese Dienstleistung anbieten." Will heissen: Patienten, die in einer der sechs beteiligten Apotheken Kunde sind, können in der Notfallapotheke auch die gleichen Leistungen beispielsweise von einem Dauerrezept beziehen. "Dieser Service gibt den Leuten Sicherheit", so Krähenbühl.


DER APOTHEKER bedauert, dass die Brugger Ärzte nur in Baden und nicht in Brugg Notfalldienst leisten. "Das hat für uns leider zur Folge, dass Patienten un- serer Region die verordneten Medikamente in Dättwil beziehen und meist gar nicht realisieren, dass sie die Rezepte auch in Brugg einlösen könnten", so Krähenbühl weiter. Überhaupt daure es länger als erwartet, um die Apotheke an der Fröhlichstrasse 7 auch als Quartierapotheke zu etablieren. "Wir sechs unabhängigen Apotheker decken den Notfallbetrieb deshalb auch im dritten Jahr noch immer für den berühmten Gotteslohn ab", sagt Krähenbühl und kümmert sich um ein Mädchen mit Bindehautentzündung, dem er zum Abschied einen Traubenzucker schenkt.

AZ, 22. November 2015
 
Ihre Apotheke im Gesundheitszentrum Brugg.